OpenAI hat nach eigenen Angaben eine neue, mutmaßlich aus Russland gesteuerte Einflussoperation gestoppt. Die Gruppe nutzte ChatGPT vor allem für Social-Media-Kommentare, während die eigentliche Täuschung über eine scheinbar seriöse Denkfabrik, kopierte Fachtexte und einen politisch gefärbten Souveränitätsindex lief.
Übersicht:
Was OpenAI aufgedeckt hat
OpenAI sperrte ein Cluster von ChatGPT-Konten, das sehr wahrscheinlich aus Russland betrieben wurde. Die Nutzer griffen offenbar per VPN auf die Plattform zu, weil OpenAI den direkten Zugriff aus Russland nicht erlaubt.
Im Zentrum stand das International Burke Institute, kurz IBI. Die Organisation gab sich als in Israel ansässige Expertengemeinschaft aus, präsentierte angebliche Fachleute und veröffentlichte politische Analysen, die Russland günstig darstellten und westliche Staaten stark kritisierten.
Der Fall ist auffällig, weil die Kampagne nicht nur einzelne Fake-Profile nutzte. Sie baute eine ganze Kulisse aus Website, Expertenfassade, kopierten wissenschaftlichen Texten und einem eigenen Souveränitätsindex auf.
Wie ChatGPT eingesetzt wurde
ChatGPT diente vor allem als Werkzeug für Reichweite und Tarnung, nicht als Ursprung der gesamten Kampagne. Die Betreiber ließen Kommentare und Beiträge erstellen, die später auf Substack, Telegram, X, Facebook und LinkedIn erschienen.
Viele Prompts wurden auf Russisch geschrieben, die fertigen Texte aber überwiegend auf Englisch veröffentlicht. Zusätzlich forderten die Nutzer das Modell auf, sprachliche Hinweise auf eine russische Herkunft zu vermeiden.
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Promotionaler Einsatz: Beiträge sollten auf IBI-Artikel verweisen und die Marke der angeblichen Denkfabrik sichtbarer machen.
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Reaktive Kommentare: Auf Substack wurden Antworten auf echte Nutzerbeiträge erzeugt, meist mit der Aufforderung, dem IBI-Kanal zu folgen.
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Kanalaufbau: Ein Nutzer erstellte deutschsprachige Telegram-Beiträge für den Kanal „Lahme Ente“, der Ukraine, EU und Bundesregierung kritisierte und engere Beziehungen zu Russland befürwortete.
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Design und Monitoring: Ein weiterer Nutzer ließ Logos für mehrere Telegram-Kanäle zu Deutschland, den USA, Frankreich, Polen und der Türkei erstellen und bat wiederholt um russische Zusammenfassungen dieser Kanäle.
Ein konkretes Beispiel zeigt die Methode: Ein Telegram-Kanal gab sich als amerikanisches Angebot aus, enthielt aber unnatürliches Englisch. Zugleich ließ ein ChatGPT-Nutzer ein Profilbild dafür erstellen und forderte russischsprachige Auswertungen der Kanalaktivität an.
Warum die Tarnstruktur auffiel
Die IBI-Website wirkte auf den ersten Blick wie eine wissenschaftliche Plattform. Sie nannte eine Adresse in Israel, führte prominente Namen wie Francis Fukuyama und Noam Chomsky auf und veröffentlichte eine breite Auswahl politischer Analysen.
Bei genauer Prüfung zeigte sich laut OpenAI ein anderes Bild. In einer Stichprobe von 36 Artikeln, die angeblichen Experten zugeordnet waren und zwischen September 2025 und Mai 2026 erschienen, waren 34 offenbar von anderen Quellen im Netz kopiert. Einige Texte waren älter, andere wurden falschen Autoren zugeschrieben.
Ein Beispiel betraf einen Artikel zum China-Pakistan Economic Corridor. Der Text soll aus einer Veröffentlichung von Cambridge University Press stammen, wurde auf der IBI-Seite aber einer Professorin der University of Nottingham zugeschrieben, deren Fachgebiet ein anderes ist.
Ein weiteres Beispiel betraf einen Text zur Migrationspolitik. Er soll vom Migration Policy Institute übernommen worden sein, erschien beim IBI jedoch mit einer falschen Zuordnung zu einer australischen Lebensmittelwissenschaftlerin.
Auch sprachliche Spuren passten nicht zur behaupteten Herkunft. In einem Artikel über Deutschland tauchte eine Formulierung auf, die offenbar aus einer wörtlichen Maschinenübersetzung aus einer slawischen Sprache entstand. Gemeint war die deutsche Ampelkoalition, übersetzt wurde sinngemäß aber mit einem slawischen Wort für Verkehrsampel.
Wie groß die Wirkung war
Die direkte Reichweite blieb nach OpenAI-Einschätzung begrenzt. Viele Social-Media-Beiträge erzielten nur wenige Aufrufe, und die offiziellen IBI-Konten hatten geringe Abonnentenzahlen.
Etwas stärker wirkten die Telegram-Kanäle. Dort lagen einzelne Kanäle offenbar bei etwa 10.000 bis 20.000 Followern, was für eine politische Einflussoperation zwar relevant, aber noch kein großer öffentlicher Durchbruch ist.
OpenAI ordnete den Fall am unteren Ende von Kategorie drei der Brookings Breakout Scale ein. Diese Skala bewertet Einflussoperationen danach, ob Inhalte mehrere Plattformen und echte Zielgruppen erreichen.
Die wichtigste Erkenntnis liegt daher nicht in der bisherigen Reichweite, sondern in der vorbereiteten Infrastruktur. Die Kampagne baute Glaubwürdigkeit vor, bevor sie große Wirkung erzielte. Das ist strategisch relevanter als ein einzelner viraler Beitrag.
Was der Fall für Plattformen bedeutet
Der Fall zeigt ein einfaches Modell für moderne Einflussoperationen: Technologie, Tarnung, Tempo. KI beschleunigt Textproduktion, eine scheinbare Institution liefert Autorität, und mehrere Plattformen testen, wo Inhalte Resonanz finden.
ChatGPT war dabei nicht der ganze Motor, sondern ein Verstärker. Die Täuschung entstand aus dem Zusammenspiel von kopierten Fachtexten, falschen Zuschreibungen, angeblichen Experten, politisch einseitigen Bewertungen und Social-Media-Verteilung.
Klare Entscheidungsregel für Redaktionen und Plattformen
Wenn eine neue Expertengruppe gleichzeitig stark wertende politische Indizes, ungewöhnlich viele prominente Autorennamen und aggressiv verteilte Social-Media-Kommentare nutzt, sollte die Herkunft geprüft werden, bevor Inhalte zitiert oder weiterverbreitet werden.
Praktisch heißt das: Quellen der Artikel prüfen, Autorenzuordnung mit Originalpublikationen abgleichen, Domain-Historie ansehen, Sprachmuster bewerten und Social-Media-Konten auf koordinierte Verteilung untersuchen. Einzelne Fehler beweisen keine Operation, mehrere passende Spuren ergeben ein Risikobild.
Für die Branche ist der Fall ein Warnsignal: Einflussakteure müssen KI nicht für perfekte Fälschungen nutzen. Es reicht, wenn KI die sichtbare Oberfläche glättet, während die eigentliche Täuschung über scheinbare Institutionen und geliehene Autorität läuft.

